Coronavirus, Risikogruppen und Klopapier-Notstand

Gedanken zu einer Situation, die wir noch nie zuvor erlebt haben

Die meisten von uns (mich selbst eingeschlossen) haben Corona, auch COVAID-19 anfangs zu leicht genommen. „Oh je, was haben die Chinesen da nur wieder ausgebrütet? Riegeln die doch tatsächlich eine ganze Stadt ab, nur wegen ein paar Coronavirus-Infizierten? Und was machen die Leute nur mit all dem Klopapier?“ Wir haben lustige Videos an unsere Freunde verschickt, sind demonstrativ relaxed einkaufen gegangen und haben die ganzen Angsthasen belächelt.

Mittlerweile ist die ganze Welt betroffen und  niemand weiß so recht, wie sich das Ganze noch entwickelt oder wie er sich jetzt am besten verhalten soll. Durch die Massenmedien und deren ungefiltertes Kopieren von Inhalten kann innerhalb von wenigen Stunden eine Hysterie ausgelöst werden, die eventuell gar nicht angebracht ist. Ist man jetzt ein Angsthase, wenn man vorsichtig ist? Oder ist es der falsche Zeitpunkt, um seinen inneren Rebellen zu entdecken?

Zahl der Infizierten und Todesrate

Die veröffentlichten Zahlen der Infizierten hinken den tatsächlichen Zahlen naturgemäß immer ein bisschen hinterher. Ein Mensch, der mit positivem Ergebnis auf Corona getestet wurde, hat vielleicht schon ein paar weitere angesteckt, die noch munter und symptomfrei durch die Gegend laufen und weitere Menschen anstecken, während sie noch nicht in der Statistik auftauchen. Ein Freund hat mir diese Woche einen Link geschickt. Der Artikel Coronavirus: Warum du jetzt handeln musst! von Tomas Pueyo zeigt in einigen Diagrammen den tatsächlichen und den öffentlich bekannten Verlauf der Ausbreitung von Corona.

Auch die unterschiedlichen Todesraten der verschiedenen Länder werden im Artikel sehr plausibel erklärt. Es ist reine Mathematik. Solange die Anzahl der Menschen, die einen Aufenthalt auf der Intensivstation oder ein Atemgerät benötigen, kleiner ist als die Zahl der vorhandenen Betten und Beatmungsgeräte, ist die Todesrate relativ gering, da jeder ausreichend versorgt werden kann. Sobald die Zahl der betroffenen Patienten aber steigt, wird es kritisch. Dann können immer mehr Schwerkranke nicht mehr versorgt werden, und das ärztliche Personal muss die schwere Entscheidung treffen, welcher Patient die höheren Überlebenschancen hat und die Sauerstoffmaske bekommt.

Die Kurve so flach wie möglich halten

Die Zahl der Infektionen steigt ab einem gewissen Punkt exponentiell an, ähnlich wie beim Bakterienwachstum oder dem klassischen Beispiel mit dem Reiskorn auf dem Schachbrett. Wenn sich eine Zahl immer wieder verdoppelt, sieht das anfangs noch recht harmlos aus, endet aber sehr schnell in Zahlen, die wir als nicht-Mathematiker gar nicht mehr lesen können.

  • Feld 1: 1 Reiskorn
  • Feld 2: 2 Reiskörner
  • Feld 3: 4 Reiskörner
  • Feld 64: 9.223.372.036.854.775.808 Reiskörner

Nur durch eine simple Verdoppelung!

Nach nur einem einzigen Tag kann die Menge der Menschen, die intensive ärztliche Hilfe benötigen, die Menge der zur Verfügung stehenden medizinischen Geräte um das Doppelte übersteigen. Wenn die Reaktion nur einen Tag zu spät erfolgt, kann das fatale Folgen haben. Es gibt im Prinzip nur ein Mittel, um diese Entwicklung aufzuhalten. Wir müssen mit aller Kraft verhindern, selbst angesteckt zu werden oder andere anzustecken. Ganz besonders darf die Corona-Infektion nicht zu viele Menschen gleichzeitig erreichen. Stecken wir uns relativ kontrolliert nacheinander an, dann bleibt die Anzahl der Kranken relativ konstant und sie können optimal versorgt werden. Deshalb ist die Ausgangssperre, die in Bayern seit heute Nacht verordet wurde, eine sehr gute Maßnahme und endlich auch eine klare Ansage. Bayern ist (Stand 21.03.2020) die Nummer drei in der Liste der am stärksten betroffenen Bundesländer. Die Fallzahlen werden später zeigen, wie viele Leben dieser eine Tag vielleicht gerettet hat, im Vergleich zu Bundesländern, die noch vor dieser extemen Maßnahme zurückschrecken.

Risikogruppen

„Bei gesunden Menschen verläuft die Erkrankung oft relativ mild.“

Das klingt erst einmal beruhigend. Wenn wir aber genauer hinsehen, stellen wir fest, dass das mit der Gesundheit so eine Sache ist. Die Anzahl der Mitglieder von Risikogruppen für den besonders schweren Verlauf ist verdammt groß. Allein altersbedingt fällt ein Viertel der Bevölkerung in die Ü-60-Risikogruppe, also ungefähr 20 Millionen Menschen. Dazu kommen Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und so weiter. Auch Menschen, die zum Beispiel Cortison einnehmen (ich als Asthmatiker bin in dieser Gruppe), sind stärker gefährdet. Wenn ich mich so umsehe, bleiben von meinen Freunden und Verwandten nicht viele übrig, die nicht in mindestens eine dieser Risikogruppen fallen – oder sogar in mehrere geichzeitig.

Dieser Liste würde ich persönlich noch eine weitere Gruppe hinzufügen, von der bisher noch niemand spricht: Die Gruppe der Menschen, die in den letzten Jahren mehrmals Antibiotika eingenommen haben. Antibiotika schädigen unsere guten Darmbakterien und damit unser Immunsystem. Wer in diesen Zeiten noch ein intaktes und gut funktionierendes Immunsystem besitzt, kann sich glücklich schätzen. Deshalb ist es gerade jetzt wichtig, die Einnahme von Antibiotika auf absolute Notfälle einzuschränken.

Klopapier-Notstand und die neue Backleidenschaft

Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Das wurde auch mir spätestens beim ersten Gang durch die Regalreihe mit dem Klopapier bewusst, als ich nur noch leere Regale vor mir sah. Die Leute decken sich plötzlich mit Vorräten ein. Haben sie recht oder sind sie einfach nur hysterisch?

Die offizielle Aussage: Die Lager sind voll, es gibt keinerlei Engpässe. Hamsterkäufe sind nicht notwendig oder angebracht. 

Wer in den letzten Wochen einkaufen war, egal ob online oder offline, hat einen ganz anderen Eindruck von der Lage. Die auffälligsten von den fehlenden Warengruppen sind Klopapier, Nudeln, Reis, Lebensmittel oder auch Fertignahrung in Dosen und erstaunlicherweise auch Mehl, Hefe und Sauerteigpulver.

Besonders das Fehlen von Klopapier scheint uns in Panik zu versetzen, darüber darf man dann doch wieder ein wenig grinsen. Rein theoretisch könnten wir uns auch tröpfelnd die zwei Meter zur Badewanne oder Dusche schleppen und den Hintern einfach kurz abbrausen. Die Klopapier-Affinität haben wir übrigens mit dem Amerikanern gemein. Ein Freund aus den USA schrieb mir diese Woche im Scherz „Schick mir Klopapier, bei uns ist es überall ausverkauft!“.

Die zweite große Angst betrifft wohl unser geliebtes Brot, was ich durchaus nachvollziehen kann. Plötzlich kaufen die Leute Mehl in Massen und versuchen nun wohl, ihr eigenes Brot zu backen. Unabhängig von Corona ist das keine schlechte Idee, ein paar Tipps für Anfänger gibt es hier im Blog.

Gesunde Vorratshaltung oder Hamsterkauf?

Obwohl alle Regale leer sind, habe ich persönlich keinen Kunden gesehen, der wirklich einen klassischen Hamsterkauf macht. Die meisten von uns haben wohl einfach vorsichtshalber ein wenig mehr haltbare Vorräte eingekauft als sonst. Die Lagerhaltung in den Geschäften und den meisten Privathaushalten läuft heutzutage auf ein „just in time“ hinaus. Deshalb ist es kein Wunder, dass es zu solchen Effekten kommt und in den Regalen gähnende Leere herrscht. Dass es keine generellen Versorgungslücken gibt, mag durchaus der Wahrheit entsprechen.

Ob diese erhöhte Vorratshaltung berechtigt ist, wird sich noch herausstellen. Auch ohne Coronavirus sollte man immer Vorräte im Haus haben, aber gerade in dieser Situation wäre es unverantwortlich, nichts im Haus zu haben. Die Läden sind zwar noch geöffnet, aber im Prinzip bedeutet jeder Einkauf ein Risiko, trotz „Social Distancing“ (wieder mal eine tolle Framing-Wortschöpfung). Wenn man bei sich selbst Symptome feststellt, ist es erst recht ratsam, nicht erst in dem Moment durch die Läden zu ziehen und andere anzustecken. Wenn man keine Vorräte hat und befürchten muss, die nächsten Wochen in Quarantäne zu verbringen, bleibt einem aber fast nichts anderes übrig.

Und die nächsten Monate? Niemand weiß, wie es mit Corona weitergeht. Wird bald ein Impfstoff verteilt, der Spuk hat ein Ende und wir lachen alle über unsere übertriebene Vorsorge? Oder breitet sich das Virus so weit aus, dass es doch zu den eben noch dementierten Versorgungsengpässen kommt? Auch die wirtschaftlichen Folgen von Corona sind nicht zu unterschätzen. Die Wirtschaft liegt brach, viele kleine Unternehmen werden Hilfe benötigen und die virtuellen Gelddruckmaschinen werden ab sofort heißlaufen, was letzten Endes ein Ansteigen der Inflation bedeutet. Italien ist ohnehin fast pleite und lebt zu einem großen Teil vom Tourismus, der aktuell weltweit auf null zurückgefahren wurde. Der Euro, schon immer ein Kamikazeprojekt, bekommt jetzt den nächsten saftigen Tritt in den Hintern.

Ganz ehrlich – ein paar Vorräte anzuschaffen kann nicht schaden. Man muss nicht gleich übertreiben, sich aber auch nicht schämen, wenn der Korb mal etwas voller ist als sonst. Wir sollten einen guten Mittelweg finden: Einerseits schadet es nicht, die eigenen Versorgungslücken zu schließen, aber andererseits sollten wir auch anderen nach uns die Chance dazu geben.

Fazit: Angsthase oder Rebell?

Die Frage ist, wie sollen wir ab jetzt damit umgehen? Die einen wittern Panikmache hinter dem Ganzen und sind noch ganz relaxed, die anderen verbarrikadieren sich schon seit längerem im Haus, halten Abstand zu ihren Mitmenschen und haben ihre Vorratshaltung für mehrere Wochen abgeschlossen. Spaltet sich die Bevölkerung schon wieder einmal, diesmal in Angsthasen und Rebellen?

Bei allen Spekulationen wissen wir schon einiges sicher:

  • Es gibt bisher weder eine Schutzimpfung noch ein Heilmittel.
  • Viele von uns sind in mindestens einer der Risikogruppen.
  • Die tatsächliche Zahl der Infizierten ist grundsätzlich um einiges höher als die bekannte.
  • Wenn die Zahlen aus China echt sind, dann wurde dort die weitere Verbreitung von Corona durch die sofortige, strikte Abriegelung verhindert.

Wie jeder Einzelne damit umgeht, muss er natürlich trotz staatlicher Verordnungen selbst wissen. Diese Gedanken helfen vielleicht bei der Entscheidung:

  • Angenommen, wir werden infiziert, überstehen die Erkrankung aber als einer von den leichten Fällen ganz easy. Leider haben wir aus Leichtsinn einen Freund/Verwandten angesteckt, der die Sache nicht so einfach wegsteckt und dabei stirbt.
  • Etwas ungünstiger für uns selbst: Wir infizieren uns und müssen ins Krankenhaus. Das passiert zu der Zeit, in der bereits zehn Schwerkranke auf ein Beatmungsgerät kommen. Weil der Patient neben uns älter und in einem schlechteren Zustand ist, wird ihm das Beatmungsgerät weggenommen und uns gegeben.
  • Wir schützen durch Eindämmen des Virus nicht nur die Infizierten, sondern auch unsere Mediziner. Je weniger Menschen zur gleichen Zeit erkranken, desto weniger Mediziner werden mit der schrecklichen Situation konfrontiert sein, über Leben und Tod entscheiden zu müssen.
  • Schadet es wirklich, ein paar Vorräte mehr zuhause zu haben?
  • Was ist, wenn die Lage sich zuspitzt, ich selbst krank werde und keine Vorräte habe?
  • Trotz selbstauferlegter Quarantäne sind wir nicht isoliert wie die Menschen früher. Wir haben das Telefon, E-Mail, WhatsApp, Facebook und wie sie alle heißen. Ist es wirklich so schlimm, eine Zeitlang auf direkten Kontakt zu verzichten?

Ich persönlich bin in diesem Fall lieber ein Angsthase, der später über sich selbst lacht, als ein Rebell, der jemanden fahrlässig umgebracht hat.

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