Stress in der Schwangerschaft

...macht das Kind krankheitsanfällig

Gestresste Mutter – krankheitsanfälliges Kind

Gemütszustand und Lebensweise der Mutter während der Schwangerschaft haben einen maßgeblichen Einfluss auf das ungeborene Kind. Die meisten Mütter vermeiden selbstverständlich alkoholische Getränke oder andere offensichtlich schädliche Substanzen. Auch die Liste als bedenklich eingestufter Lebensmittel ist lang. Rohmilchprodukte, weichgekochte Eier, Eis, rohes Gemüse, rohes Fleisch, roher Fisch, Innereien, diverse Zuckeraustauschstoffe und vieles mehr.

Doch vor allem die Psyche der Mutter hat einen maßgeblichen Einfluss auf den Fötus. Dieser Aspekt wird vermutlich oft vernachlässigt. Babys gestresster Mütter entwickeln sich unterdurchschnittlich gut und sind generell krankheitsanfälliger. Dies ist bereits seit Längerem bekannt. Relativ neu ist jedoch die Kenntnis darüber, wie dieser Nachteil entsteht. Neue Erkenntnisse in den jungen Forschungszweigen Mikrobiom und Epigenetik helfen dabei, das Wunder des Lebens wieder ein bisschen besser zu verstehen.

Verändertes Mikrobiom und manipulierte Gene

Belastungen während der Schwangerschaft oder der Kindheit schädigen den Menschen auf zweierlei Weise: Enzyme der Mutter markieren die Gene, die für die Reaktion auf Gefahr und Stress zuständig sind. Dies wirkt sich nachteilig auf deren spätere Funktion aus.  Die zweite schädliche Auswirkung betrifft eine Veränderung der Mikrobiota und deren Metaboliten, also Stoffwechselprodukte. Diese beiden Manipulationen bilden bereits in der frühen Kindheit die Basis für später auftretende psychische Probleme wie Depressionen, Autismus oder Schizophrenie.

Beide Effekte konnten wissenschaftlich belegt werden. Im Tierversuch wurden schwangere Affen einer extremen Lärmbelastung ausgesetzt, die dem Leben in einer Großstadt nachgebildet war. Die Mikrobiota der Neugeborenen enthielt wesentlich weniger von den nützlichen Darmbakterien als das von stressfrei ausgetragenen Affenkindern. Doch wie konnte der Stress, dem die Mütter ausgesetzt waren, diesen großen Einfluss auf das Mikrobiom des Nachwuchses haben?

Das erste Geschenk der Mutter an ihr Baby

Der Schlüssel ist der Vorgang der natürlichen Geburt. Die Natur hat diesen schmerzvollen Vorgang nicht ganz umsonst so eingerichtet. Beim Weg durch den Geburtskanal wird der Säugling, der im Mutterleib mit nur wenigen Bakterien konfrontiert war, sozusagen mit einem “Starterset” aus nützlichen Bakterien imprägniert. Diese stammen aus der Vagina der Mutter. Bei der Geburt nimmt der Fötus sie über Mund, Nase und Haut auf. Diese kleine Mikrobengemeinschaft bildet den Grundstock für die Ausbildung des gesamten Mikrobioms und damit des Immunsystems.

Und hier zeigt sich die Problematik von Stress während der Schwangerschaft. Stress hat nicht nur Auswirkungen auf das Mikrobiom des Darms, sondern ebenso auf das Mikrobiom der Vagina. Dieses verändert sich und beinhaltet weitaus weniger Lactobazillen. Dies sind jedoch ausgerechnet die Bakterien, mit denen ein Neugeborenes bei der Geburt reichlich versorgt werden sollte, also sein “Starterset”.

Das Mikrobiom des Darms kann aus verschiedenen Aminosäuren Botschaften generieren, die es an das Gehirn sendet, sogenannte Darmpeptide. Die Stoffwechselprodukte der verringerten Mikrobiota wiesen im Test einen Mangel an Aminosäuren auf. Schädliche Auswirkungen auf das Wachstum und die Ausbildung der Gehirnstrukturen sind die Folge.

Möglichst vermeiden: Stress, Kaiserschnitt, Antibiotika und ungesunde Ernährung

Nicht nur Stress während der Schwangerschaft verändert das Mikrobiom der Vagina. Es gibt auch eine von der Natur beabsichtigte Anpassung. Kurz vor der Entbindung nimmt die Vielfalt an Bakterien gezielt ab und das Mikrobiom konzentriert sich hauptsächlich auf die ganz speziellen Lactobazillen, die den Grundbaustein für die Entwicklung des kindlichen Mikrobioms bilden. Diese Lactobazillen ermöglichen es dem Kind, die Muttermilch bestmöglich zu verwerten.

Die natürliche Geburt ist also ein wichtiger Schritt im Leben eines Säuglings. Wird der Fötus per Kaiserschnitt zur Welt gebracht, geht ihm der Vorteil dieser perfekten Erstausstattung unweigerlich verloren. Ähnliche Folgen kann eine Anwendung von Antibiotika vor und während der Geburt haben.

Das Kind wird zu Beginn seines Lebens nicht mit der perfekten  Bakterienmischung, sondern mit einer bunten Mischung aus Krankenhausbakterien versehen. Der Aufbau ihres Mikrobioms ist im Gegensatz zu natürlich geborenen Kindern nachweislich erschwert. Krankheitserreger haben im weniger robusten Mikrobiom ein leichtes Spiel und die Neigung des Kindes zu Adipositas steigt.

“Ich bin fest davon überzeugt, dass vermeidbarer Stress, ein Kaiserschnitt, eine unnötige Anwendung von Antibiotika und ungesunde Ernährung vor und nach der Entbindung die normale Programmierung der kindlichen Darmmikrobiota stören und den Grundstein für Darm-Gehirn-Krankheiten legen können.”

Prof. Emeran Mayer