Die glückliche Kindheit

Wichtig für ein gesundes Mikrobiom
Die generelle Anfälligkeit für psychische Störungen wird uns bereits vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zum achtzehnten Lebensjahr mitgegeben. Eine glückliche Kindheit ohne Traumata trägt entscheidend zur geistigen Gesundheit im späteren Leben bei. Das Mikrobiom hat in der Verkettung von Ursachen einen großen Einfluss. Mit diesem Thema beschäftigt sich Prof. Emeran Mayer in einem sehr interessanten Kapitel seines Buchs Das zweite Gehirn.

Vernachlässigte Rattenkinder

Den ersten Hinweis lieferten Labortiere, deren Stressverhalten dem des Menschen sehr ähnlich ist. Gestresste Rattenweibchen vernachlässigen im Test ganz klar die Fürsorge um ihren Nachwuchs. Ihre Jungen bekommen weniger Streicheleinheiten und werden beim Säugen rücksichtsloser von ihrer Mutter behandelt. Dieses Verhalten wirkt sich deutlich auf die Jungtiere aus. Sie leiden nicht nur unter den direkten Auswirkungen der fehlenden Zuwendung in der Kindheit. Zusätzlich entwickeln die vernachlässigten Jungtiere als ausgewachsene Ratten eine erhöhte Stressanfälligkeit und eine Neigung zu Depressionen, Angststörungen und Suchtverhalten. Dies steht oftmals in Verbindung mit Reizdarm-ähnlichen Symptomen. Setzt man diese psychisch labilen Ratten erhöhtem Stress aus, so sind sie im Gegensatz zu den fürsorglich großgezogenen Artgenossen nicht in der Lage, den Stresspegel durch Ausschüttung von Hormonen niedrig zu halten. Die Analyse des Gehirns solcher Nager fördert erstaunliche Ergebnisse zutage. Die gesamte Struktur des Gehirns – Schaltkreise, Verbindungen und Neurotransmittersysteme – ist nachweislich stark verändert. Diese physische Veränderung sorgt auch dafür, dass die Einnahme von Beruhigungsmitteln weniger Wirkung zeigt als bei normalen Ratten.

Menschenkinder ohne glückliche Kindheit

Diese Erkenntnisse treffen jedoch nicht nur auf Laborratten zu. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit hinterlassen ebenfalls deutliche Spuren im menschlichen Gehirn. Solche Erlebnisse können zum Beispiel verbale oder physische Misshandlungen, die Scheidung der Eltern oder der Verlust einer Bezugsperson sein. So konnte mit Hilfe von MRT-Scans bewiesen werden, dass die Gehirne solcher Kinder sich tatsächlich an diese Erlebnisse anpassen. Einhundert Versuchspersonen, die vor ihrem achtzehnten Lebensjahr traumatische Erlebnisse hatten, wurden getestet. Unabhängig davon, ob diese Personen gesund waren oder bereits an Darmkrankheiten oder psychischen Problemen litten, hatten sie eine Gemeinsamkeit. Und zwar eine Veränderung des Salienz-Netzwerks. Dieses Netzwerk entscheidet, wie stark wir mögliche Risiken und Gefahren einer Entscheidung oder die Bedeutung einer Emotion bewerten. Die getesteten Personen waren aufgrund ihrer veränderten Gehirnstruktur als Erwachsene risikoscheuer und ängstlicher, man könnte auch sagen pessimistischer, als Menschen, die eine glückliche Kindheit hatten. Die Natur hat dies möglicherweise so eingerichtet, damit Lebewesen, die ständig lebensgefährlichen Situationen ausgesetzt sind, damit besonders gut zurechtkommen. Die meisten von uns leben allerdings gar nicht in echter Gefahr. Doch dauerhaften Stress interpretiert unser Körper als “ständige Gefahr” und reagiert entsprechend.

Faszinierendes aus der Epigenetik

Epigenetik nennt man in der Wissenschaft molekulare Mechanismen, die zu einem stärkeren oder schwächeren Ablesen von Genen führen, ohne dass die dort gespeicherte Information verändert wird. Dabei markieren Enzyme bestimmte Abschnitte der DNA. Wie beeinflussen die unglückliche Kindheit und das Verhalten der Mutter das erwachsene Kind – Jahre später? Die Epigenetik liefert die physisch nachweisbare Antwort darauf. Im Tierversuch konnte eindeutig belegt werden, dass die Art der Mutter-Kind-Beziehung Spuren in Form von chemischen Markierungen auf der DNA hinterlässt. Enzyme der Mutter markieren dabei eben jene Gene, die für die Reaktion auf Stress zuständig sind und dafür sorgen, dass wir bei seelischem Druck gelassen bleiben – oder eben nicht. Diese Beeinträchtigung der Gene hat zur Folge, dass aus den jungen Ratten ebenfalls gestresste und nachlässige Mütter werden. Bisher wurde dieser Aspekt bei Menschen zwar wahrgenommen. Dass Menschen, die als Kinder misshandelt wurden, oft auch ihre eigenen Kinder misshandeln, ist bekannt. Doch mit Hilfe der Forschung wurde nun tatsächlich eine physische und messbare Ursache für dieses Verhalten entdeckt. Sie konnte nicht nur an Versuchstieren, sondern auch an Kindern von traumatisierten Menschen wie zum Beispiel Kriegsopfern nachgewiesen werden. Die “Stressmarker” wurden von der Mutter auf das Kind übertragen, ohne dass das Kind in seiner eigenen Kindheit je ein Trauma erlitten hätte. Die bisherige These der Psychologie war, dass psychische Störungen im Erwachsenenalter auf unterbewussten oder verdrängten Kindheitstraumata basieren. Aufgrund der eben beschriebenen, messbaren Ergebnisse muss jedoch nun davon ausgegangen werden, dass diese Erlebnisse tatsächlich physische Spuren am Gehirn hinterlassen, die obendrein von einer Generation an die nächste weitergegeben werden können.

Angststörungen, Depressionen und das Reizdarmsyndrom

Psychische Störungen wie Überängstlichkeit oder Depressionen gehen bei den Patienten oft mit dem Reizdarmsyndrom (RDS) einher.  Beim Reizdarmsyndrom (RDS) verursacht eine ganz normale Verdauungstätigkeit Schmerzen, Blähungen oder Krämpfe. Der Darm von RDS-Patienten reagiert unangemessen empfindlich auf gewöhnliche Reize. Ein ähnlicher Effekt, nämlich die übersensible Reaktion auf normale Reize, ist also sozusagen gleichzeitig auf beiden Seiten der Darm-Hirn-Achse nachweisbar. Die jüngste Forschung beschränkt sich jedoch nicht allein auf Störungen der Darm-Hirn-Achse. Stattdessen bezieht sie auch das Mikrobiom ein. Daher nennt Prof. Mayer das gesamte Konstrukt auch “Darm-Hirn-Mikrobiom-Achse”. Das Mikrobiom füllt die Lücke zwischen beiden Arten von Problemen, psychologischen Störungen und Erkrankungen des Darms. Stress und Gefahr sorgen dafür, dass der Darm seinen Inhalt möglichst schnell loswerden möchte. Durchfall und eine höhere Ausschüttung von Verdauungssäften sind die Folge. Mit dem Durchfall ändert sich die Umgebung unseres Mikrobioms erheblich. Dies wirkt sich besonders schädlich auf die für uns nützlichen Lactobazillen aus. Mit der Abnahme der Anzahl von nützlichen Bakterien geht die Ausbreitung von Krankheitserregern einher, angestachelt durch die ausgeschütteten Stresshormone. Entzündliche Darmerkrankungen sind die Folge.

Reaktion des Mikrobioms

Premsyl Bercik konnte im Tierversuch erstmalig zeigen, dass die negativen psychischen Folgen einer schlechten Kindheit direkt auf die Veränderung der Mikrobiota und deren Stoffwechselprodukten zurückzuführen sind. Die physischen Folgen, nämlich die Überreaktion des Darms auf ganz normale Stoffe, seien dagegen auf die erhöhte Stressanfälligkeit zurückzuführen. Eine mikrobiomfreundliche Ernährung in Kombination mit der Einnahme von Probiotika kann diese schädlichen Folgen möglicherweise abmildern oder sogar komplett rückgängig machen. Sie könnte daher in Zukunft ein wichtiger Baustein in der Behandlung von Störungen der Darm-Mikrobiom-Gehirn-Achse sein.

Software-Update und Probiotika für eine glückliche Zukunft

Die während einer schlechten Kindheit vorprogrammierte Stressanfälligkeit ist prinzipiell dauerhaft. Dennoch erlaubt der präfrontale Cortex dem Menschen, solche Programmierfehler zu beheben. Prof. Mayer vergleicht den Vorgang mit einem Software-Update. Er empfiehlt Maßnahmen wie Verhaltenstherapie oder Hypnotherapie, um die physischen und psychischen Störungen wie das Reizdarmsyndrom und Depressionen in den Griff zu bekommen. Jüngere Studien zeigten, dass diese Therapien tatsächlich in der Lage sind, ebensolche Strukturänderungen auszulösen wie es im Fall der frühkindlichen Traumatisierung passiert. Der Einsatz von Psychopharmaka zu Beginn der Therapie erwies sich in zahlreichen Fällen als hilfreich. Prof. Mayer kombiniert jedoch diese beiden Ansätze  – Einsatz von Antidepressiva und therapeutische Maßnahmen – mit einer gesteigerten Zufuhr von Probiotika und hat damit sehr gute Erfolge.

Glücklich

…mit dem Mikrobiom

Reizdarmsyndrom

Die besten Tipps zur Linderung

Probiotika

Wenn wir unsere Bakterienfreunde zum Fressen gern haben